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Interview zu 20 Jahren "Hörgeschädigte in Emsdetten und Umgebung"

Hören ermöglicht uns zu kommunizieren, Geräusche und Musik wahrzunehmen, uns im Raum zu orientieren. Verschiedene Ursachen können die Leistungsfähigkeit des Gehörs jedoch beeinträchtigen. Die Selbsthilfegruppe „Hörgeschädigte in Emsdetten und Umgebung“ bietet Betroffenen nun schon seit 20 Jahren Hilfe an. Ich habe mit Helmut Schlieckmann, dem Gründer der Gruppe, und zwei Mitgliedern, Martha Berning und Gisela Schulte, gesprochen.

Herr Schlieckmann

Helmut Schlieckmann

Herzlich Willkommen und schön, dass Sie da sind. Wir gratulieren zu Ihrem 20jährigen Jubiläum – das muss man erstmal schaffen.
Herr Schlieckmann, wie sind Sie dazu gekommen, eine Selbsthilfegruppe für Hörgeschädigte zu gründen?



Herr Schlieckmann:
Hören ist eine Sinneswahrnehmung. Jedes Handicap mit einem Sinnesorgan ist sehr beeinträchtigend. Vor 20-22 Jahren nahm ich wahr, dass Selbsthilfegruppen immer bekannter wurden. Allerdings gab es eher Gruppen zu anderen Themen, wie zum Beispiel für Krebserkrankungen. Das betrifft mich zum Glück nicht. Aber schlecht hören konnte ich immer schon gut. Auf der Netzwerkseite – damals noch KIBIS – habe ich dann Hinweise dazu gefunden, wie man eine Gruppe gründet. Ich habe also eine Gruppe für Hörgeschädigte gegründet, Meldungen in Zeitungen veröffentlicht und hatte einen enormen Zulauf an Betroffenen. Beim ersten Treffen waren ca. 60 Leute da.

Frau Schulte und Frau Berning, was hat Sie dazu gebracht, an dieser Gruppe teilzunehmen?

Frau Schulte: Ich habe anfangs nicht viel von Selbsthilfegruppen gehalten. Ich hatte durch andere Themen schon einmal Kontakt mit Selbsthilfegruppen. Die waren einfach nicht richtig für mich. Aber als dann eine Gruppe für Hörgeschädigte gegründet wurde, hab ich mich wirklich gefreut. Das passt einfach super. Wir haben viel Verständnis untereinander und können uns über verschiedene Themen austauschen. Frau Berning und ich sind auch schon fast seit der Gründung dabei.
Frau Berning: Ich hab mich anfangs nicht getraut. Durch die Hörschädigung hab ich mich sehr zurückgezogen. Ich hab dann von der Gruppe gehört und teilgenommen. Auch die FM-Technologie und der Handy Mic-Sender, den ich 1998 bekam, haben mir sehr geholfen. Dadurch hab ich mich immer wohler gefühlt. In der Gruppe fühl ich mich sehr gut aufgehoben.

Was macht denn Ihre Selbsthilfegruppe für Sie noch aus?

Herr Schlieckmann: Wir sind eine sehr individuelle Gruppe von 17 Leuten. Manche sind leicht schwerhörig und manche sehr stark beeinträchtigt. Man versteht sich untereinander und kann sich gegenseitig aufbauen. Das ist ja auch der Sinn einer Selbsthilfegruppe. Besonders wichtig bei uns ist, dass wir uns an bestimmte Vereinbarungen halten. Wenn einer spricht, hören die anderen zu.

Frau Schulte:
Besonders schön ist es, dass wir gegenseitiges Verständnis haben. Niemand ist sauer oder genervt, wenn man nochmal nachfragt oder etwas nicht richtig versteht.
Frau Berning: Nicht die Hand vor den Mund nehmen, sich wegdrehen. Wichtig ist auch, langsam zu sprechen. Da müssen wir uns alle dran halten.

Was war das schönste Erlebnis in Ihrer Gruppe?


Frau Schulte: Es gab einige schöne Erlebnisse. Wir machen viele verschiedene Ausflüge oder Stadtführungen. Da entwickelt sich dann das zwischenmenschliche Verhältnis. Die Gruppe gibt wirklich viel Halt und es macht viel Spaß. Es ist ein toller Austausch untereinander.

Herr Schlieckmann: Herausragend war die gemeinsame Veranstaltung mit dem Caritasverband Emsdetten-Greven. Wir haben alle fünf Selbsthilfegruppen für Hörgeschädigte eingeladen zum Treffen mit dem Bundesbeauftragten für Schwerbehinderte in Münster. Das war ein organisatorischer Aufwand. Aber es war schön, auf so hoher Ebene angehört zu werden.

Frau Berning: Für mich war das Highlight, als wir den FM-Koffer bekommen haben. Das ist unsere Verstärkeranlage, durch die alle entspannt und besser hören können. Die Nebengeräusche werden rausgefiltert.
Frau Berning, Sie sprachen gerade die Nebengeräusche an. Was für Herausforderungen haben Sie noch im Alltag?
Frau Berning: Wir nehmen die Hintergrundgeräusche oft stärker wahr. Ich muss mich dann sehr konzentrieren, zuzuhören. Oft muss man dann auch kombinieren, was der andere gesagt haben könnte. Das strengt unheimlich an. Wichtig für uns ist, dass alle langsam sprechen. Lauter sprechen bringt uns gar nichts.

Herr Schlieckmann: In unserer Gruppe sagen wir dann „Du hörst mich schon, aber verstehst mich nicht.“ Lauter sprechen verzerrt oft das Stimmbild. Wir haben auch oft kein Richtungshören. Das heißt, wir können nicht genau zuordnen, woher die Geräusche kommen. Deswegen ist es auch für uns sehr unangenehm, wenn wir von hinten angesprochen werden. Um wirklich zu verstehen, was unser Gegenüber sagt, brauchen wir die Mimik und die Lippenbewegungen dazu.

Frau Schulte:
…oder wenn man ruft: „Wo bist du?“ bringt uns ein „Hier!“ nicht weiter. Wir können schwer zuordnen, aus welchem Raum die Antwort dann kam. Besser ist es, einfach „Im Wohnzimmer!“ zu sagen.
Frau Berning: Eine weitere Herausforderung war, dass viele Kirchen Ringschleifen hatten, die aber neu aktiviert werden mussten. Ringschleifen helfen uns dabei, besser zu hören und blenden die anderen Hintergrundgeräusche aus. Ich habe zusammen mit anderen Hörgeschädigten Ringschleifen getestet, die es heute in Kirchen, Rathäusern, Kinos, Theater oder auch privat gibt. Es fehlt leider oft der Hinweis und das Wissen. Denn nur, wenn mein Hörgerät auf T-Spule aktiviert ist, kann ich dort besser verstehen.

Bild der Gruppenteilnehmer

Selbthilfegruppe Hörgeschädigte in Emsdetten und Umgebung

Herr Schlieckmann: Wir müssen auf unsere Belange aufmerksam machen. Man sieht es uns nicht an und weiß auch nicht, was wir brauchen. Immanuel Kant, der kannte Philosoph, sagte damals schon ganz richtig: “Nicht Sehen können trennt von den Dingen. Nicht Hören können trennt von den Menschen.“
Frau Schulte: Wenn man immer wieder nachfragen muss, zieht einen das auch selbst oft runter. Es ist oft anstrengend. Wenn man nur ein Wort nicht richtig versteht, ändert das manchmal den ganzen Satz. Und so kann natürlich auch der Inhalt schnell ganz anders verstanden werden.


Hat sich denn Ihrer Meinung nach in den letzten 20 Jahren was am Thema Selbsthilfe oder Hörschädigungen geändert?

Herr Schlieckmann: Ja, definitiv. Selbsthilfe erfährt eine viel höhere Akzeptanz. Es gibt viel mehr Gruppen und auch zu vielen verschiedenen Themen. Menschen trauen sich mehr, an die Öffentlichkeit zu gehen. Depressionen sind zum Beispiel auch für Hörgeschädigte ein wichtiges Thema. Man kapselt sich ab und vereinsamt schnell. Mittlerweile wird auch Schwerhörigkeit deutlich mehr beachtet. Es gibt einen offenen Umgang. Vor 20 Jahren gab es nicht einmal Werbung für Hörgeräte im Fernsehen.

Frau Berning: Es gibt das „Blaue Ohr“. Das ist ein Symbol für Hörgeschädigte. Das habe ich mir zum Beispiel auf meine Krankenkarte geklebt. So weiß jeder Bescheid. Falls ich zum Beispiel beim Arzt im Wartezimmer sitze, werde ich aus dem Wartezimmer geholt. Denn wenn ich nur aufgerufen werde, höre ich es nicht immer. Es ist also viel akzeptierter geworden.

Herr Schlieckmann: Leider haben wir aber ein Nachwuchsproblem. Unsere Gruppe wird immer älter. Vielleicht ist die Akzeptanz für Selbsthilfegruppen in jüngeren Generationen noch nicht da. Trotzdem ist jeder – egal welcher Altersgruppe er angehört, herzlich Willkommen.

Vielen Dank für Ihre offenen Worte. Viele Ihrer „alltäglichen Problematiken“ waren mir gar nicht bewusst. Ich finde es gut, dass Sie darauf aufmerksam machen. Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute.

 



 
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